Tangems Andrey Lazutkin: Warum weniger mehr ist bei Hardware-Wallets

Ein Gespräch mit Yellow Media (yellow.com)

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Andrey Lazutkin
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Die aktuelle Vermarktung von Hardware-Wallets folgt meist einem Trend: mehr Features, mehr Displays, mehr Konnektivität, mehr Firmware-Updates. Tangem setzt bewusst auf das Gegenteil.
 

  There is no screen, no battery, no USB or Bluetooth connectivity, no updatable firmware, and no seed phrase to record. To many in the security community, this may appear to be a list of features expected of a crypto wallet; however, it is actually a list of functionalities deliberately omitted.   Yellow Media sat down with Tangem CTO Andrey Lazutkin and pushed hard on exactly that.  What happens when the phone is compromised?  Why ship a firmware you can never patch?  What protects a Tangem Ring from an NFC attack in a crowded train?  And what happens when quantum computing arrives?   The screenless problem: what if the phone is lying? A core principle of traditional hardware wallets is "What You See Is What You Sign" — an on-device screen that lets users verify transaction details. Tangem is screenless and offloads the entire interface to a smartphone. 

  • Was passiert, wenn das Smartphone kompromittiert wird? 
  • Warum eine Firmware ausliefern, die sich niemals patchen lässt? 
  • Wie schützt sich ein Tangem Ring vor einem NFC-Angriff in einer vollen U-Bahn? 
  • Und was passiert, wenn Quantencomputer Realität werden?

 

Das Screenless-Problem: Was, wenn das Handy lügt?

Ein zentrales Prinzip klassischer Hardware-Wallets ist „What You See Is What You Sign“ – ein Display auf dem Gerät, das Nutzer:innen die Transaktionsdetails prüfen lässt. Tangem verzichtet bewusst auf ein Display und verlagert die gesamte Bedienung aufs Smartphone. 

If a phone is compromised by malware that alters what's displayed on the screen, a user could authorize a malicious NFC transfer without knowing. How does your architecture prevent UI tampering on an infected host?

 

Ein Display allein ist kein Sicherheitskonzept. Es ist nur ein Baustein – und jeder Baustein schafft Angriffsfläche. Je komplexer eine Hardware-Wallet wird, desto mehr potenzielle Schwachstellen entstehen: Display-Logik, Tasten, Firmware, Update-Mechanismen, USB, Bluetooth, Akkus, Treiber, Parser und physische Schnittstellen.

Das Internet ist voll von Beispielen, in denen klassische Hardware-Wallets nicht wegen geknackter Kryptografie, sondern durch Implementierungsfehler kompromittiert wurden.

Tangem verfolgt den gegenteiligen Ansatz: Das Signiergerät so einfach wie möglich halten. Kein Display, kein Akku, kein USB, kein Bluetooth, keine updatbare Firmware, kein komplexes Betriebssystem. Der private Schlüssel wird im sicheren Chip erzeugt und verlässt die Karte nie. Diese Einfachheit ist ein großer Sicherheitsvorteil.

Das Smartphone dient nur als Interface – die Schlüssel liegen dort aber nicht. Die Tangem App ist zusätzlich umfassend geschützt: 

  • Integritätsprüfungen zur Laufzeit, 
  • Anti-Debugging,
  • Anti-Emulation, 
  • Root- und Jailbreak-Erkennung, 
  • verschlüsselte Speicherung,
  • sichere Kommunikation, 
  • Zertifikatsvalidierung, 
  • WebView-Schutz, 
  • Tapjacking-Abwehr, 
  • sichere Eingabeverarbeitung, 

Dazu kommen minimale Berechtigungen, Code-Reviews, Audits und automatisierte Sicherheitsprüfungen.
 

Wir betrachten Sicherheit also nicht als „Display oder kein Display“, sondern als Gesamtsystem. Tangem reduziert die Angriffsfläche auf Hardware-Ebene und härtet die mobile Schicht, die Transaktionen vorbereitet. Das ergibt für Nutzer:innen eine starke Kombination: ein simples, isoliertes Signiergerät und ein sicheres, modernes Mobile-Erlebnis.

In der IT-Sicherheit ist Komplexität oft der Feind. Tangems Vorteil: Die Karte macht sehr wenig, aber das eine entscheidende Element extrem gut – den Schlüssel schützen und sicher signieren.

Warum die Karte nie gepatcht werden kann

Your firmware is factory-flashed and immutable — it can't be updated over the air, eliminating the risk of malicious firmware updates. But if a zero-day or a critical cryptographic flaw is found in that chip batch later, users can't patch. Why is a completely un-upgradable chip safer for long-term self-custody than a patchable one?


Patchbarkeit ist kein kostenloses Feature. Ein Update-Mechanismus in einer Hardware-Wallet ist immer auch ein dauerhaft möglicher Code-Injection-Kanal.

Wenn eine Wallet nach der Produktion neue Firmware empfangen kann, muss der Nutzer dem Hersteller dauerhaft vertrauen: dessen Signierschlüssel, Build-System, Release-Pipeline, Update-Server, Mitarbeitenden, Sicherheitsprozessen und künftigen Geschäftsentscheidungen. Selbst wenn alles korrekt designt ist, wird diese Infrastruktur Teil der Trusted-Computing-Base.
 

Dadurch entstehen echte Risiken: kompromittierte Update-Server, geleakte Signierschlüssel, böswillige Insider, regulatorischer Druck, versehentlich fehlerhafte Updates oder ein Firmware-Update, das das ursprüngliche Sicherheitsmodell schwächt.

Die Ledger Recover-Kontroverse hat das deutlich gemacht. Ledgers eigener Support schrieb in einem inzwischen gelöschten Post: „Technically speaking, it is and always has been possible to write firmware that facilitates key extraction. You have always trusted Ledger not to deploy such firmware, whether you knew it or not.“ Genau dieses Vertrauensmodell umgeht Tangem.
 

Tangem setzt auf Unveränderlichkeit. Unsere Firmware wird beim Herstellungsprozess aufgespielt und kann danach nicht mehr verändert werden. Es gibt kein OTA-Update, kein USB-Flashing, keinen drahtlosen Update-Pfad und keine Möglichkeit, nachträglich Code auf die Karte zu bringen, sobald sie beim Nutzer ist.

Ja, das bedeutet: Wir können einen Chip nicht aus der Ferne patchen, falls später eine Hardware-Sicherheitslücke entdeckt wird. Aber ein updatbares Gerät beseitigt das Risiko nicht – es schafft ein anderes, dauerhaftes Risiko: die Möglichkeit, sicherheitskritischen Code nachträglich zu verändern.

Für langfristige Eigenverwahrung ist unserer Ansicht nach ein unveränderlicher Vertrauensanker sicherer. Das Gerät sollte nicht davon abhängen, dass der Hersteller für immer vertrauenswürdig bleibt. Tangems Philosophie ist einfach: Die Karte schützt den Schlüssel, signiert sicher und akzeptiert nie wieder neuen Code.
 

Die App-Store-Abhängigkeit

Tangem ist auf die Companion-App angewiesen und damit strukturell abhängig von zentralisierten Distributionskanälen wie Apples App Store und Google Play.

 If a state actor or a sophisticated attacker compromised your developer credentials and pushed a malicious update before your team caught it, what native guardrails inside the secure element protect user funds?


Damit dieses Szenario eintritt, müsste ein Angreifer unsere Entwickler-Zugangsdaten kompromittieren, MFA und interne Zugriffskontrollen umgehen, den Freigabeprozess bestehen, bösartigen Code in den offiziellen Build einschleusen, Apples oder Googles Review passieren, die App-Identität wahren, Plattform-Malware-Erkennung vermeiden und unbemerkt von unserem Team, Monitoring und der Open-Source-Community bleiben.


Das ist nicht eine einzelne Schwachstelle, sondern eine Kette unabhängiger Fehler über mehrere Sicherheitsebenen hinweg. Genau das meine ich, wenn ich sage: Sicherheit muss als Gesamtsystem bewertet werden, nicht durch ein isoliertes Feature.

Aus unserer Sicht ist die Wahrscheinlichkeit, dass so eine Kette erfolgreich ist, deutlich geringer als die Risiken, die eine komplexere Hardware-Wallet-Architektur mit sich bringt – vor allem, wenn sie auf Firmware-Updates angewiesen ist, um langfristig sicher zu bleiben.
 

Komplexere Geräte brauchen mehr Schnittstellen, mehr Firmware, mehr Update-Mechanismen, mehr Komponenten und mehr vertrauenswürdige Prozesse. Jede dieser Schichten schafft zusätzliche Angriffsflächen: Supply-Chain-Angriffe, Debug-Interfaces, Firmware-Bugs, bösartige oder kompromittierte Updates, geleakte Signierschlüssel, Build-System-Kompromittierung oder Druck auf den Hersteller, das Geräteverhalten nachträglich zu ändern.
 

Die Geschichte von Angriffen auf Hardware-Wallets zeigt ein klares Muster: Die meisten realen Probleme entstehen nicht durch gebrochene Kryptografie, sondern durch Komplexität – Implementierungsfehler, Update-Mechanismen, physische Schnittstellen, Firmware-Verhalten, Supply-Chain-Annahmen oder unerwartete Wechselwirkungen zwischen Komponenten.

Ein bösartiges App-Store-Update ist ein theoretisches Risiko – aber es braucht eine Kette unabhängiger Fehler, bevor der Angreifer überhaupt beim Nutzer ankommt. Ein dauerhaft updatbarer Quellcode hält dagegen einen Update-Kanal über die gesamte Produktlebensdauer offen.

Das ist der Kern des Tangem-Sicherheitsmodells: möglichst wenige vertrauenswürdige Komponenten, minimale Angriffsfläche, ein unveränderliches Signiergerät.

 

Seedless-Backup vs. Papier-Seed-Phrase

Your seedless architecture maintains security by cloning the private key onto backup cards at setup. That removes the single point of failure of a written seed phrase, but it creates a physical dependency: lose your backup cards, and you hit a recovery wall. How does a hardware-only backup scale for multi-generational inheritance or estate planning compared to traditional BIP-39 paper standards?

 

Wer eine Hardware-Wallet kauft, erwartet, dass das Gerät die privaten Schlüssel schützt. Bei vielen klassischen Wallets zeigt das Gerät aber zuerst die Seed-Phrase an und gibt die Verantwortung zurück an den Nutzer.
 

  From that moment on, the weakest link is no longer the hardware wallet. It is the seed phrase: a piece of paper, a metal plate, a drawer, a safe, a photo someone should never take, or a phrase that can be lost, damaged, copied, exposed, or stolen.   Lost access to private keys and recovery phrases is one of the biggest real-world causes of permanent crypto loss. Chainalysis has estimated that millions of bitcoins are permanently lost. Phishing attacks also keep targeting seed phrases directly, because once the phrase is exposed, the price or security level of the hardware wallet no longer matters.   In a traditional model, you have a hardware wallet and a seed phrase. You can make more seed copies, but each one increases the risk, since they are not protected by hardware. The user has to invent their own security system.   Tangem sees things a bit differently: they believe the backup should also be safeguarded by hardware. That’s why, with a standard Tangem setup, users receive three cards. Each card is a fully capable hardware wallet with a secure element, rather than just an unprotected paper secret.   For inheritance or long-term storage, users can keep one card for daily use, store one securely, and give another to a trusted family member, lawyer, or as part of an inheritance arrangement. If all cards are lost, there is no recovery, but that is true self-custody. What Tangem removes is the most fragile part of the traditional model: an exposed seed phrase.   If the private key is important enough to protect with a hardware wallet, then its backup should also be protected by a hardware wallet. That is exactly what Tangem does.   Can transaction simulation ever be 100%? DeFi phishing and blind signing remain dominant ways consumer wallets get drained. Your app integrates transaction simulation and dApp scam detection to show users what a contract will execute. 

 

Kann Transaktionssimulation jemals 100 % Sicherheit bieten?

DeFi-Phishing und Blind-Signaturen sind weiterhin die Hauptursachen, warum Nutzer:innen Krypto verlieren. Die Tangem-App integriert Transaktionssimulation und dApp-Scam-Erkennung, damit Nutzer:innen sehen, was ein Smart Contract tatsächlich ausführt. 

But given the Turing-complete nature of complex, multi-hop smart contracts, can client-side simulation ever be 100% reliable? Or does it risk giving users a false sense of absolute security?


Das ist eine sehr gute Frage, denn du hast das Stichwort „absolute Sicherheit“ genannt.

Die ehrliche Antwort: Nein. Keine Wallet, keine Simulations-Engine, kein Hardware-Gerät und kein Security-Unternehmen kann absolute Sicherheit versprechen. Krypto ist ein adverses Umfeld. Sicherheit ist nie ein einzelnes magisches Feature, sondern ein Zusammenspiel aus Schichten, die Angriffe erschweren, verteuern und weniger skalierbar machen.
 

Manchmal liegt der Schwachpunkt auch ganz woanders als erwartet. Es gibt öffentlich bestätigte Fälle, in denen Kundendaten aus Hardware-Wallet-Käufen kompromittiert wurden. Oft lag das Problem nicht an der Kryptografie oder am Gerät selbst, sondern am erweiterten Sicherheitsumfeld: Phishing, Social Engineering, gefälschte Support-Kontakte, Fake-Ersatzgeräte oder gezielter Druck.
 

Auf der DeFi-Seite nutzt Tangem einige der fortschrittlichsten Schutzmechanismen: Transaktionssimulation, Smart-Contract-Risikoanalyse, dApp-Erkennung, Domain-Checks, Warnungen bei verdächtigem Verhalten und Schutz vor Blind-Signaturen, wo immer Transaktionen entschlüsselt und analysiert werden können.
 

Kann eine Simulation für jeden Smart Contract 100 % zuverlässig sein? Nein. Komplexe Smart Contracts, Multi-Hop-Routen, sich ändernde On-Chain-States, bösartige Frontends, Phishing-Domains und Social Engineering bedeuten, dass Nutzer:innen weiterhin prüfen müssen, wohin sie sich verbinden, was sie freigeben und ob sie der dApp vertrauen.
 

Wir präsentieren Simulation daher nie als absolute Schutzmaßnahme, sondern als zusätzliche Sicherheitsschicht, die die Übersicht vor dem Signieren deutlich verbessert. Sie hilft, zu verstehen, was eine Transaktion voraussichtlich bewirkt, Betrug früher zu erkennen und Blind-Freigaben zu vermeiden.

Die richtige Einstellung ist: Tangem schützt den Schlüssel per Hardware, reduziert die Angriffsfläche mit einer einfachen, unveränderlichen Karte und ergänzt moderne DeFi-Schutzmechanismen in der App. Nutzer:innen sollten trotzdem nur vertrauenswürdige dApps nutzen, Domains prüfen, keine überhasteten Transaktionen durchführen, bei Freigaben vorsichtig sein und kein Warnsystem als Ersatz für gesunden Menschenverstand sehen.

Absolute Sicherheit gibt es nicht. Starke Sicherheit entsteht durch mehrere Verteidigungsschichten – genau so ist Tangem aufgebaut.
 

Gas in Stablecoins zahlen – ohne Cold Storage aufzugeben

Sie haben kürzlich eine Funktion eingeführt, mit der Nutzer:innen Netzwerkgebühren in Stablecoins wie USDT oder USDC statt im nativen Gas-Token bezahlen können. Technisch erfordert das im Hintergrund meist Account-Abstraction-Relayer oder Drittanbieter-Liquidität. 

Are these convenience features introducing subtle counterparty risks or centralized dependencies into what is intended to be a cold-storage environment?
 

Tangem nutzt EIP-7702 für Smart Gas auf unterstützten EVM-Netzwerken. Das ermöglicht es, Netzwerkgebühren in bestimmten ERC-20-Token zu zahlen, statt das native Gas-Token zu halten. Das ändert nichts am Custody-Modell: Der private Schlüssel bleibt im Tangem Card, die Signatur erfolgt weiterhin mit der Hardware-Wallet, und kein Dritter erhält Zugriff auf die Schlüssel.
 

Open-Source-App, Closed-Source-Silicon

Die Companion-App ist vollständig Open Source auf GitHub und folgt damit dem Community-Grundsatz „Don’t Trust, Verify“. Das EAL6+-Secure-Element in den Karten basiert jedoch auf einer proprietären, nicht offenen Architektur der Chip-Hersteller. 

How do you reconcile the open-source philosophy of DeFi with a hardware foundation that requires trusting a corporate foundry's closed-source design?
 

Open Source ist wichtig – aber zu behaupten, jede Ebene eines sicheren Hardwareprodukts müsse offen sein, zeigt, dass jemand Hardware-Sicherheit nicht verstanden hat.
 

Für ein Secure Element sind geschlossene Low-Level-Firmware und Chip-Interna kein Nachteil, sondern Teil des Schutzkonzepts. Diese Chips sind darauf ausgelegt, physischen und invasiven Angriffen zu widerstehen: Fault-Injection, Side-Channel-Analyse, Probing, Glitching, Laser-Angriffe und andere Labor-Methoden. Detaillierte Informationen über internes Firmware-Verhalten, Speicheraufbau, Sensoren, Gegenmaßnahmen oder Fehlererkennung zu veröffentlichen, würde Nutzer:innen nicht sicherer machen – sondern Angreifern eine bessere Karte liefern.
 

Das ist kein naives „Security through Obscurity“. Echte Hardware-Sicherheit basiert auf mehreren Ebenen: zertifizierte Secure Elements, begrenzte Befehlssätze, unabhängige Audits, unveränderliche Firmware und minimale Angriffsfläche. 

Das bedeutet aber auch: Nicht mehr technische Details preisgeben, als nötig – um physische Angriffe nicht zu erleichtern.

Und ehrlich: Selbst wenn jemand von „Open-Source-Firmware“ spricht, ist der Secure Chip selbst nie komplett offen. Er enthält Hardware-Logik, ROM, Microcode, proprietäre Schutzmechanismen, Fertigungsprozesse und physische Sicherheitsmaßnahmen, die Nutzer:innen realistisch nicht prüfen oder reproduzieren können.

So zu tun, als könne man die komplette Hardware-Root-of-Trust nur durch veröffentlichte Firmware prüfen, ist irreführend.

Unser Sicherheitsmodell lautet: „Dort schließen, wo Offenlegung Angreifern hilft; unabhängig prüfen lassen, wo Vertrauen nötig ist; und so minimal wie möglich bleiben.“


Hardware in der Öffentlichkeit: der Tangem Ring

Mit dem Tangem Ring bringt Tangem Hardware direkt in den öffentlichen Raum. Welche technischen Maßnahmen schützen Nutzer:innen vor Angriffen mit verstärkten NFC-Lesern in Menschenmengen, etwa um unbefugte Handshakes oder Brute-Force-Versuche zu starten?


Erstens: NFC steht für Near Field Communication und ist für sehr kurze Distanzen ausgelegt. Die Vorstellung, ein „verstärkter Leser“ könnte heimlich mit einem Ring am Finger in einer Menschenmenge interagieren, ist im Alltag kein realistisches Angriffsszenario.


Hinzu kommt: Der Tangem Ring sieht wie ein normales Wearable aus – ähnlich wie Bezahlringe oder andere Accessoires. Ein Angreifer müsste zunächst erkennen, dass es sich um eine Krypto-Hardware-Wallet handelt, nicht um Schmuck.


Selbst wenn jemand versuchen würde, per NFC zu interagieren, bekäme er keinen Zugriff auf die Wallet. Der Tangem Ring ist – wie die Karten – durch einen selbstgewählten Zugangscode geschützt. Ohne diesen Code kann kein Angreifer Wallet-Operationen autorisieren.


Brute-Force ist ebenfalls keine realistische Option. Das Gerät schützt vor wiederholten Passwortversuchen: Nach Fehleingaben steigt die Wartezeit, automatisiertes Raten wird so praktisch unmöglich.

Das Sicherheitsmodell ist einfach: NFC-Nähe allein reicht nicht, physische Präsenz allein reicht nicht, und den Zugangscode zu erraten ist kein realistischer Angriff. Nutzer:innen können den Tangem Ring bedenkenlos in der Öffentlichkeit tragen.

Regulierung und Self-Custody-Kern

Weltweit verschärfen Regulierer Vorgaben für „unhosted wallets“ und verpflichtende Zielkontrollen bei Transaktionen. Entwickeln Sie Ihre Infrastruktur so, dass sie künftigen Anforderungen nach Compliance- oder KYC-Hooks in Self-Custody-Apps widersteht – oder ist Ihre Software ohnehin so gebaut, dass sie sich unabhängig von der Gesetzeslage nicht nachträglich verändern lässt?
 

Wichtig ist, die Gerätearchitektur von der Regulierungsebene zu trennen.

Bei Tangem wird der private Schlüssel im Chip auf der Karte erzeugt und gespeichert. Die Karte kennt kein KYC, ist nicht von einem Compliance-Server abhängig und fragt Tangem nicht um Erlaubnis, bevor sie signiert. Sie schützt einfach den Schlüssel und signiert, wenn der Nutzer es autorisiert.
 

Der Nutzer kann mit der Karte über die offizielle Tangem-App interagieren – oder technisch auch über Open-Source-Tools und SDKs. Das heißt: Tangem kann die Karte nicht aus der Ferne einfrieren, den Schlüssel nicht auslesen und den Zugriff auf die eigenen Mittel auf Hardware-Ebene nicht verhindern.
 

Was Regulierung angeht: Es ist wichtig, realistisch zu bleiben. Self-Custody-Wallets zu verpflichten, Kontrollmechanismen direkt in die Signatur-Schicht einzubauen, wäre das falsche Werkzeug. Es gibt viele freie Wallets, Open-Source-Lösungen, Forks und Underground-Tools. Wenn Regulierer Nutzer von sicheren, geprüften Produkten wegdrängen, weichen viele auf weniger transparente, riskantere Alternativen aus. Das erhöht Verluste, Betrug und Schattenaktivität – und senkt sie nicht.
 

International zeigt sich ein anderer Trend: Regulierer konzentrieren sich auf Schnittstellen zu regulierten Diensten – Börsen, On-/Off-Ramps, Zahlungsprodukte, Finanzintermediäre. Dort gehören KYC, AML, Sanktionsprüfungen und Meldepflichten hin.
 

Wenn bestimmte Länder für spezielle Services gesetzeskonforme Abläufe verlangen, kann Tangem Nutzer:innen dabei unterstützen. Das ist aber etwas anderes, als die Hardware-Wallet selbst zu einer erlaubnispflichtigen Lösung zu machen.
 

Unsere Position ist klar: Tangem kann compliant Zugang zu regulierten Diensten ermöglichen, aber der Self-Custody-Kern muss Self-Custody bleiben. Die Karte schützt den Schlüssel. Der Nutzer kontrolliert die Mittel. Tangem hält keine Assets, kontrolliert den privaten Schlüssel nicht und hat keinen Fernschalter, um zu entscheiden, ob signiert werden darf.
 

Die Quantenfrage

Die meisten Hardware-Wallets – auch Tangem – setzen auf ECDSA oder Ed25519 Elliptic-Curve-Kryptografie. Mit dem Fortschritt bei Quantencomputern: Wie verwundbar ist fest programmierte Hardware gegenüber künftiger Quantenentschlüsselung, und wie sieht Ihr Fahrplan für den Umstieg auf Post-Quantum-Kryptografie aus?
 

Der Umstieg auf Post-Quantum-Kryptografie muss auf Blockchain-Protokollebene beginnen.

Hardware-Wallets bestimmen nicht, welche Signaturalgorithmen Bitcoin, Ethereum, Solana oder andere Netzwerke akzeptieren. Zuerst müssen Blockchains post-quantensichere Standards einführen. Erst danach können diese Algorithmen in Wallets, Secure Elements und Signiergeräten umgesetzt werden.
 

Aktuell gibt es keinen allgemein akzeptierten Migrationspfad oder einheitlichen Post-Quantum-Algorithmus, den große Blockchains für Transaktionssignaturen nutzen. Die Branche forscht, testet und diskutiert noch den richtigen Ansatz.
 

Tangem arbeitet aktiv in diese Richtung, doch die Herausforderung ist viel größer als nur Hardware-Wallets. Der gleiche Wandel betrifft Bankkarten, SIM-Karten, Secure Elements, Ausweisdokumente, IoT-Geräte und viele andere sicherheitskritische Systeme.

In den nächsten Jahren erwarten wir einen starken Schub bei Post-Quantum-Kryptografie, Secure-Chip-Support und Blockchain-Standards. Sobald die Netzwerke diese Algorithmen unterstützen, wird Tangem mitziehen.

Der Punkt ist klar: Die Post-Quantum-Migration ist ein Ökosystem-Umbruch – erst die Blockchains, dann die Hardware-Wallets.

 

Der rote Faden durch alle Antworten bleibt: Sicherheit ist eine Eigenschaft des Gesamtsystems, nicht eines einzelnen Features. Weniger bewegliche Teile, weniger Vertrauen, weniger Fehlerquellen – und eine entscheidende Aufgabe, die extrem gut erfüllt wird.

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Autor Andrey Lazutkin

Chief Technology Officer at Tangem.

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Rezension von Patrick Dike-Ndulue

Senior editor covering crypto, onchain equities, and technology.